Lasst alles Kunst sein – Gedanken zur Bewertbarkeit künstlerischer Arbeit

Was ist Kunst?

Die Frage haben sich viele gestellt und sich an Antworten versucht. Die Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und kritisch begutachte, was ich denn da nun geschaffen habe. Die Frage ist perfekt geeignet, um sich in Selbstzweifel zu reden und das eigene „Kunstwerk“ vernichtend zu beurteilen. Es gibt so viele Kunsthistoriker, Kunstphilosophen und schlussendlich Künstler, die ihre Technik in Perfektion beherrschen. Von all dem bin ich so weit entfernt. Meine Bildung in diesem Bereich endet mit der Abiturprüfung im Kunst-Leistungskurs – und auch dort habe ich mich für die theoretische Aufgabe entschieden, weil ich meiner Fähigkeit zur Kunst nicht vertraute.

Jede Kunstform hat ihre Technik, jede Technik ihren Meister und Heerscharen von Kritikern, die ihre Qualität fachkundig beurteilen. Aber ist das wirklich das zentrale Thema in der Kunst? Sollte oder muss man Kunst theoretisieren, um sie bewertbar zu machen? Und ist ihr Wert nicht zu individuell, als dass man ihn an allgemeingültigen Faktoren festmachen könnte? Lernt man Kunst, wenn man die Technik einer bestimmten Kunstform erlernt? Manchmal erscheint es mir so, als ob all diese Theorien versuchen, etwas greifbar, verständlich und allgemein zugänglich zu machen, was eigentlich dadurch gekennzeichnet sein sollte, dass es sich eben jeder Logik entzieht. Genauso gut kann man versuchen, eine allgemeine Antwort auf die Frage „Was ist Liebe?“ zu finden – eine Frage, bei der die Chancen auf eine befriedigende Antwort ähnlich schlecht stehen, weil auch die Liebe sich nicht in irgendwelche Regeln zwängen lässt. Ich finde da sind Kunst und Liebe sich durchaus sehr ähnlich.

Nehmen wir das beigefügte Bild: 

Ein DIN A2 Blatt weißes Papier. Zwei Farben. Technisch ein Desaster, unvollendet, unvollständig, fast wie ein Kinderbild.

Entstanden ist dieses Bild innerhalb einer Stunde mit einem konkreten Arbeitsauftrag. Alles ging schief. Das Papier war zu dünn, der Pinsel abgenutzt, und die rote Farbe wollte sich einfach nicht zu dem Farbton mischen lassen, den ich mir vorgestellt hatte. Auch den Arbeitsauftrag hatte ich zunächst falsch verstanden, weswegen ich dann zu wenig rote Farbe zur Verfügung hatte, um die Form flächig auszumalen. Ich war unzufrieden und an dem Bild war so ziemlich nichts so, wie es sein sollte.

Was aber, wenn ich jetzt erzähle, dass dieses Bild in all seiner Unperfektheit wenige Monate später das Abbild einer neuen Lebensrealität für mich wurde? Dass alles, was im Moment der Entstehung so falsch und unzureichend erschien, später genau so einen Sinn ergab? Dass das Bild einen Blickwinkel zeigt, durch den sich mein Leben verändert hat? Wie interessant auch, dass ich mich in der Phase der Entstehung des Bildes ungeahnt weit für eine intensive zwischenmenschliche Begegnung öffnen konnte, die mir schlussendlich den Weg zurück zur Kunst geebnet hat. Und auch das war alles andere als geplant und steuerbar, wie das Bild selber und seine spätere Bedeutung für mich.

Nein, das alles sieht man diesem Bild nicht an. Es ist unvollständig, unperfekt und vielleicht nicht ästhetisch ansprechend. Es ist nichts. Aber wie viel mehr kann ein kleines Stück Unperfektheit, entstanden aus nichts, für einen Menschen sein?

Alle Andersdenkenden mögen mir verzeihen, aber ich finde: das ist Kunst. Und das kann Kunst. Bleibt offen für das Unperfekte, das Fehlen und das, was daraus entstehen kann.

Lasst alles Kunst sein.