Mein Bild will weiß sein

Dies ist eine kleine Geschichte darüber, dass Dinge manchmal einfach nicht so werden, wie man sich das vorstellt. Und darüber, dass das gar nicht unbedingt schlecht sein muss, sondern vielleicht genau richtig ist.

Seit etwa 10 Jahren begleitet mich eine Leinwand. Mal steht sie in der Wohnung, dann wieder im Keller, und gelegentlich wollte ich sie auch einfach nur noch kurz und klein hacken. Sie war immer irgendwie Verlockung und Bedrohung zugleich, groß und scheinbar zu Großem bestimmt – und ich unfähig, sie dazu zu machen. Immer wieder gab es Momente, in denen ich mich an ihr versuchte. Und was ich nicht alles versucht habe. Ich habe gesprüht, gepinselt, lackiert, geklebt, gegossen, verrieben, wieder abgewaschen, übermalt… und nicht ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Nichts. Kein Erkennen einer möglichen Perspektive, keine Idee, wie es weitergehen soll – kein bisschen Zufriedenheit. Dieses Ding wollte einfach zu nichts werden.

Es war so viel Fläche zu füllen, so viel Weiß, so viel freier Raum. Weiß, das ist für mich irgendwie die Angst vor Leere, vor dem Nicht-Anfang, vor dem Nicht-Ergebnis, der Nicht-Produktivität, den Zweifeln… Weiß, das ist für mich jedes Mal der Zustand, an den ich mich nicht herantraue. Es gibt kaum eine Arbeit, die ich auf einem reinen weißen Untergrund beginne, ohne mich nicht vorher durch irgendeine Art von Zufall aus der Misere zu retten. Etwas verschüttete Farbe, ein Abdruck, ein Fließen… das ist ein Anfang, mit dem ich arbeiten kann. Einfach nur weiß überfordert mich. In den letzten Tagen habe ich mir diese besagte Leinwand wieder einmal vorgenommen, mit dem gleichen oben beschriebenen Ergebnis. Und am Ende dieses Prozesses ist sie nun wirklich – weiß.

Einfach weiß? Nein, wirklich nicht. Dieses Bild will nicht einfach nur weiß sein. Es will auf eine höchst komplexe Art und Weise weiß sein. Es hat mich wieder und wieder gefordert, ist durch 100 Metamorphosen gegangen, war Projektionsfläche für 1000 Experimente und Ideen, kennt Leim und Strukturmittel, Kleber und Sprühlack. Es trägt mindestens 10 Farbschichten aus 10 Jahren, die Oberfläche ist schon lange nicht mehr glatt und eben und daran, was es vor heute schon alles gewesen ist, kann ich mich noch nicht einmal mehr erinnern. Und jetzt stehe ich vor dem Bild und erkenne zum ersten Mal: dieses Bild will weiß sein. Ausgerechnet weiß!! Aber dieses Weiß ist das Ergebnis eines langen Prozesses – es ist ein „gewachsenes“ weiß. Eine vollwertige Farbe. Kein Ausdruck von Leere, sondern ganz im Gegenteil, von einer Fülle, die anders sicher nicht hätte entstehen können. Ich denke die Leinwand hat ihre finale Metamorphose vollzogen.

Weiß, das ist doch die Summe aller Farben. Nicht Nichts, sondern Alles. Wenn man das Alles im Weiß erkennt, vielleicht muss man sich dann nicht länger davor fürchten?

Das Ewig Werdende, 05/2018